Wissenschaft

Zu Besuch im MAMUZ – Die geheimnisvolle Welt der Iberer

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer und Anna-Maria Grohs
Silberschatz von Tivissa, Silberschale mit Hundekopf

Vom 14. März bis 29. November 2026 zeigt das MAMUZ Museum Mistelbach die Ausstellung „Die geheimnisvolle Welt der Iberer“. Rund 300 Originalobjekte und ausgewählte Repliken eröffnen einen Einblick in eine Kultur, die im allgemeinen historischen Bewusstsein oft im Schatten von Griechen, Phöniziern, Karthagern und Römern steht, für das Verständnis der antiken Mittelmeerwelt jedoch von großer Bedeutung ist. 

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museu d’Arqueologia de Catalunya in Barcelona und mit Unterstützung des Antikenmuseums Basel und Sammlung Ludwig. Auch die Römerstadt Carnuntum ist mit Leihgaben beteiligt. 

Reiterstatue in der Ibererausstellung im Mamuz, Pferd und Reiter ohne Kopf aus hellem Stein
© T. Mauerhofer

Steinskulptur mit Darstellung eines Reiters - © T. Mauerhofer 

Wer waren die Iberer?

Als Iberer werden verschiedene Gemeinschaften bezeichnet, die zwischen dem 6. und 1. Jahrhundert v. Chr. vor allem im Osten und Süden der Iberischen Halbinsel lebten, also im Gebiet des heutigen Spanien, Portugals und eines kleinen Teils Südfrankreichs. Sie bildeten keine einheitliche Nation, sondern eine Vielzahl regionaler Gruppen mit eigenen Traditionen, Siedlungsformen und sozialen Strukturen. Gemeinsam war ihnen jedoch eine materielle Kultur, die durch befestigte Siedlungen, spezialisierte Handwerkstechniken, Schrift, Handel, religiöse Praktiken und eine ausgeprägte Bildwelt geprägt war.

Die Iberer standen in engem Kontakt mit den großen Kulturen des Mittelmeerraums. Phönizische Händler, griechische Kolonisten, karthagische Interessen und schließlich die römische Expansion beeinflussten ihre Entwicklung. Zugleich blieben die Iberer aber keine bloßen Empfänger äußerer Impulse. Sie nutzten, veränderten und integrierten fremde Einflüsse in eigene kulturelle Formen. Gerade diese Verbindung aus Eigenständigkeit und Vernetzung macht sie archäologisch so interessant.

Silberschatz von Tivissa, Silberschale mit Hundekopf
© T. Mauerhofer

Silberschale mit Wolfskopf aus dem Silberschatz von Tivissa - © T. Mauerhofer 

Eine Welt zwischen Handel, Macht und Rohstoffen

Die Ausstellung macht deutlich, dass die Iberische Halbinsel bereits vor der römischen Eroberung ein wirtschaftlich bedeutender Raum war. Kupfer, Eisen, Gold und Silber wurden abgebaut, verarbeitet und gehandelt. Diese Bodenschätze machten die Region attraktiv für Händler und Großmächte – und sie trugen wesentlich zum Reichtum lokaler Eliten bei. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Silberschatz von Tivissa. Becher, Schalen und Schmuckstücke aus Silber beziehungsweise vergoldetem Silber zeigen die hohe Qualität iberischer Metallverarbeitung. Solche Objekte waren nicht nur Wertgegenstände. Sie dienten auch der Repräsentation, religiösen Praxis und sozialen Hierarchie. 

Blick in die Ibererausstellung im Mamuz, Tische mit Objekten
© T. Mauerhofer

Einblick in die aktuelle Iberer Ausstellung im Mamuz Mistelbach - © T. Mauerhofer 

Schriftzeichen, die noch immer Rätsel aufgeben

Besonders faszinierend ist die iberische Schrift. Mehr als 2.500 Inschriften sind heute bekannt. Sie finden sich auf Keramik, Amphoren, Bleitäfelchen, Steinmonumenten und weiteren Objekten. Die Zeichen können weitgehend gelesen beziehungsweise transkribiert werden, doch die Sprache selbst ist bis heute nicht vollständig verstanden. Man weiß also oft, wie ein Text lautete, aber nicht sicher, was er bedeutete. Damit stehen die Iberer in einer eigentümlichen Nähe und Ferne zugleich. Sie waren eine schriftkundige Gesellschaft, deren eigene Stimmen uns dennoch nur eingeschränkt zugänglich sind. Für die Archäologie bedeutet das, dass Objekte, Siedlungen, Heiligtümer und Gräber umso wichtiger werden.

Dama de Elche, Frauenbüste mit aufwändigem Kopfschmuck
© T. Mauerhofer

Die Dama de Elche in der aktuellen Ausstellung im Mamuz - © T. Mauerhofer 

Kunst, Kult und die berühmte „Dama de Elche“

Zu den bekanntesten Werken iberischer Kunst zählt die „Dama de Elche“. Das Original befindet sich im Museo Arqueológico Nacional in Madrid und darf Spanien nicht verlassen; in Mistelbach ist eine detailgetreue Replik zu sehen. Die Büste ist zu einer Ikone iberischer Kultur geworden, gibt jedoch bis heute Fragen auf. Stellt sie eine Angehörige der Elite dar? Eine religiöse Figur? Eine Verstorbene? Oder ein Idealbild weiblicher Repräsentation?

Auch weitere Frauenbüsten und Statuen, etwa die „Dama del Cerro de los Santos“, verweisen auf die Bedeutung von Status, Schmuck, Kleidung und religiöser Symbolik. Ergänzt werden sie durch Votivstatuetten aus Bronze, die Adoranten, Krieger und andere Figuren zeigen. Sie geben Einblick in Heiligtümer und Opferpraktiken, aber auch in die sozialen Rollen, die in solchen religiösen Kontexten sichtbar wurden.

Nicht alle Funde sind leicht einzuordnen oder aus heutiger Sicht angenehm. Schädel mit eingeschlagenen Nägeln werden mit der Zurschaustellung besiegter Feinde in Verbindung gebracht. Sie erinnern daran, dass die Welt der Iberer nicht nur von Kunst, Handel und Handwerk geprägt war, sondern auch von Gewalt, Krieg und ritueller Machtdemonstration.

Steinstele mit Reiterabbildung und Speeren in der Ibererausstellung im Mamuz
© T. Mauerhofer

Stele mit kriegerischer Darstellung und Speeren - © T. Mauerhofer 

Ullastret: eine iberische Stadt

Ein besonderer Abschnitt der Ausstellung widmet sich der Stadt Ullastret im Nordosten der Iberischen Halbinsel. Sie war vom 6. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. bewohnt und zählt zu den bedeutendsten iberischen Fundstätten. Virtuelle Rekonstruktionen führen durch Straßen, Häuser und urbane Strukturen dieser befestigten Stadt. Damit wird ein wichtiger Punkt deutlich: Iberische Siedlungen waren keine einfachen Dörfer, sondern konnten städtische Zentren mit komplexer Organisation sein. 

    Eindrücke zu den Mitmach-Stationen der Ausstellung - © T. Mauerhofer 

    Archäologie für ein breites Publikum

    Die Ausstellung richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum. Interaktive Stationen laden dazu ein, Keramikfragmente zusammenzusetzen, Münzen zu prägen, Fabelwesen zu entdecken oder iberische Motive zu stempeln. Damit werden zentrale Themen wie Schrift, Handwerk, Religion, Tierwelt und Alltag auch für Familien und jüngere Besucherinnen und Besucher greifbar.

    „Die geheimnisvolle Welt der Iberer“ verbindet spektakuläre Funde mit gut zugänglicher Vermittlung. Sie zeigt eine eigenständige Kultur im Spannungsfeld zwischen lokaler Tradition und mediterraner Vernetzung – und erinnert zugleich daran, dass die römische Welt nur im Zusammenspiel mit ihren Nachbarn, Gegnern und früheren Gesellschaften wirklich verstanden werden kann.

    Pferdebändiger Relief, Steinobjekt mit Darstellung von zwei Männern die Pferde bändigen
    © T. Mauerhofer
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